Daumenhoch und die Bücher der Menschen
© Jens Große-Brauckmann
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Daumenhoch war der
jüngste Sohn des Bücherwurms. Er kannte sich in der
Bibliothek seines Vaters sehr genau aus. Eines Tages hatte er all die
vielen Bücher gelesen. Die größten Bücher in der
Bibliothek seines Vaters waren gerade so groß wie eine
Streichholzschachtel.
Sein Vater hatte ihm
erzählt, dass es bei den Menschen in der Stadt
Universitätsbibliotheken gibt mit großen Büchern.
Daumenhoch hatte aufmerksam zugehört und wollte nun unbedingt
dorthin, wo es die großen Bücher gibt. Er dachte sich, da
steht bestimmt noch viel mehr drin und machte sich auf den Weg in die
große Stadt.
Daumenhoch lebte mit seinen Eltern in Kleinlesestadt mit anderen Maßen als die der Menschen.
Vater und Mutter hatten
Daumenhoch den Rucksack gepackt und dann ging es los. Aus dem Stadttor
von Kleinlesestadt hinaus durch Wiesen, Felder und Wälder bis zu
einer riesengroßen Straße. In den Büchern seines
Vaters hatte er gelesen, dass die Menschen Autos fahren, große
und kleine. Für Daumenhoch waren sie alle riesig.
Plötzlich zerrte
etwas an seiner Hose, er war starr vor Schreck, ein riesiger schwarzer
Vogel. Daumenhoch stieß einen schrillen Schrei aus, der
große Vogel flog weg. Daumenhoch hatte solch einen Vogel schon
mal in einem Lexikon gesehen, es war eine Amsel.
Die vielen großen
rollenden Klötze, die die Menschen Autos nennen,
flößten ihm Furcht ein, er traute sich nicht von der Stelle.
In der Nähe sah er
ein riesiges Ding, durch das Wasser floss in einem reißenden
Fluss. Am Ufer lagen Holzstämme und Daumenhoch überlegte,
wenn ich nun ein Floß baue, dann kann ich hinüberfahren.
Gesagt, getan, er fand, was er dazu brauchte und baute ein Floß.
Mit einem
Streichholzpaddel auf dem Floß schipperte er nun durch den Kanal.
Auf der anderen Seite der Straße angekommen, legte er an und
setzte zu Fuß seine Reise in die große Stadt fort.
Die Sonne verdunkelte
sich, es fielen große Tropfen wie ein Wasserfall, es regnete.
Daumenhoch flüchtete sich unter ein großes grünes
Blatt. Das Wasser strömte, er konnte sich kaum halten, seine
Hände rutschten vom Blatt, an dem er sich festgehalten hatte. Er
schwamm auf einer Welle in ein großes Wasser. Es war ein
Forellenteich.
In dem großen
Wasser sah er große Ungetüme, die wie Saurier aussahen, und
an ihm vorbeizogen. Daumenhoch hatte Glück, zu der Zeit wurden
gerade die Forellen gefüttert und sie interessierten sich nicht
für den kleinen Daumenhoch.
In panischer Angst
zerrte sich Daumenhoch an einem Grashalm ans Ufer. Pudelnass
schüttelte er sich. Die triefend nasse Kleidung zog er aus und
hängt sie an Grashalmen auf. Der Regen hörte auf und die
Sonne kam wieder heraus.
Da tauchte
plötzlich eine Kolonne sechsbeiniger Tiere aus dem Gebüsch
auf. Es waren Ameisen. Zur Verwunderung von Daumenhoch sprach ihn die
Anführerin an. Sie sprach ihn in der Welttiersprache Phantasani
an, das ist wie bei den Menschen Englisch. Daumenhoch kannte die
Sprache, er hatte sie in Kleinlesestadt in der Schule gelernt.
Die Ameisen berichteten
nun Daumenhoch, wie es denn so zugeht in der Welt der Menschen.
Anschließend fragte Daumenhoch die Ameisen, ob sie ihn ein
Stück auf dem Weg in die große Stadt begleiten könnten.
Die Anführerin, sie hieß übrigens Kleopatra, versprach
ihm dann eine Abordnung als Begleitung mitzuschicken, da sie doch alle
sehr beschäftigt wären, die neue Burg müsste fertig
werden.
Nun zog Daumenhoch mit
einer Abordnung von 30 Ameisen weiter zur großen Stadt. Die
Ameisen tuschelten auf dem langen Weg über die Arbeit und ihre
familiären Probleme. Als sie nun so gut zwei Stunden gelaufen
waren, hörten sie ein immer lauter werdendes Geräusch, es
krachte und knarrte. Sie konnten das Getöse kaum noch aushalten.
Sie flüchteten sich in letzter Minute unter einen Felsen.
Es war ein großer
Stein. Dann rollte etwas über sie hinweg, der Felsen bewegte sich
ein wenig. Es war ein Trecker. Eine Ameise hatte sich den Fuß
eingeklemmt. Daumenhoch und die Anderen versuchten sie zu befreien, das
gelang auch. Daumenhoch schiente das verletzte Bein mit einem Grashalm
und schnitzte ein paar passende Krücken.
Sie beschlossen die
verletzte Ameise mit ihrer Freundin nach Hause zu schicken, für
sie wäre die weite Reise nun zu lang.
Ein bisschen traurig verabschiedeten sich die beiden und wünschten Daumenhoch noch alles Gute.
Nun hatte Daumenhoch
nur noch 28 Begleiterinnen. Als sie nun aus dem Waldgebiet herauskamen,
in dem auch die Ameisen ihr Zuhause haben, sahen sie aneinander
gereihte große Bretterkästen, wo dicke brummende gelb
schwarze Viecher ein- und ausflogen. Es waren Bienen!
Daumenhoch ging
näher heran und sprach einfach eine an in der Welttiersprache
"Phantasani". Die Biene antwortete auf Phantasani. Daumenhoch hatte ihr
einen guten Tag gewünscht und sie gefragt, wie weit es denn noch
zur Stadt ist. Sie hatte ihm geantwortet, es ist noch weit, aber sie
kenne einen Vogel, der ihn zur großen Stadt bringen könne.
Daumenhoch war erfreut, dass ihn jemand mitnehmen würde und sagte:
"Dann frag doch bitte mal deinen Freund, den Vogel."
Die Biene
schwärmte aus und nach einer Zeit kam sie mit dem Vogel wieder. Es
war die Amsel, mit der er schon an der großen Straße zu tun
gehabt hatte. Daumenhoch war etwas verängstigt, als er die Amsel
von der großen Straße sah. Die Amsel bemerkte es und sagte:
"Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, ich bin ein guter
Freund von Lieselotte, der Biene. Ich heiße übrigens
Florian. Wo möchtest du denn hin?"
Daumenhoch sagte
daraufhin: "Zur Universitätsbibliothek in die große Stadt
der Menschen." Florian: "Ich habe Verwandte in der großen Stadt,
die kennen sich dort aus, wir können gleich nonstop hinfliegen."
Daumenhoch
verabschiedete sich noch von den Ameisen und der Biene Lieselotte und
dann flogen die beiden ab. In der großen Stadt landete Florian
bei seinem Onkel auf dem Kirchturm. Daumenhoch erzählte, wo er
herkommt und was er so auf seiner Reise erlebt hatte. Florians Onkel
interessierte vor allem, was er denn in der großen Stadt
vorhätte. Daumenhoch erzählte, dass er gern wissen
möchte, was in den Büchern der Menschen steht.
Der Onkel schlug vor,
erst einmal in einen Laden zu gehen, den die Menschen Buchhandlung
nennen. Daumenhoch fragte ihn, wo denn so ein Bücherhaus sei. Der
Onkel meinte dann zu Florian: "Du kennst doch den Laden an der Ecke,
flieg doch mit ihm dort mal hin."
Dort angekommen staunte
Daumenhoch: "Die Bücher sind viel größer als ich
selbst. Diese großen Buchstaben und die schweren Seiten, bei dem
Gewicht kann ich die Bücher ja niemals lesen."
Vielleicht gibt es eine
Möglichkeit, die Bücher in ein kleineres Format zu bekommen,
er packte schnell seinen Laptop aus seinem Rucksack aus. In der
Buchhandlung hatte er einen großen Computer gesehen, er meinte
nun, den könne er anzapfen. Leider waren die Anschlüsse viel
zu groß. Da hatte Florian die Idee einen Adapter zu bauen. Er
könne ihn nicht selbst bauen, aber er kenne einen Mann Namens
Computerfloh, der könne das. Florian sagte: "Der wohnt gleich hier
um die Ecke." Dort angekommen steht ein Mann vor ihnen, etwas
größer als Daumenhoch. Daumenhoch hatte schon einmal einen
Bericht über einen Mann in der Schülerzeitung seiner Schule
in Kleinlesestadt gesehen, dort nannte er sich "Professor Dr.
Rostnagel". Florian fragte ihn, ob er den Adapter herstellen
könne, der Mann nickte und sagte: "Bis morgen ist er fertig."
Daumenhoch und Florian verließen den Computerfloh und sagten nur: "Bis morgen - tschüs."
Auf der Straße
mussten sie sich vor den großen Tretern, den Schuhen, in Acht
nehmen. Sie wichen immer wieder Papierfetzen aus, bis es Florian zu
bunt wurde und er zu Daumenhoch sagte: Komm, wir fliegen! Es ging
wieder hoch und höher hinaus und im Sturzflug hinab. Daumenhoch
machte das Fliegen mit Florian Spaß. Sie landeten nach einer
Steilkurve auf dem Marktplatz, ein Haufen weiße Masse lag vor
ihnen.
Florian sagte: "Das ist Eis, willst du mal lecken?"
Daumenhoch nahm einen
Fingerbreit und war entzückt, lecker. Nach einer Weile waren ihre
Bäuche rund und sie entschlossen sich weiter zu fliegen.
Um die Lage zu peilen
setzte sich Florian auf einem Strommasten. Dann sagte er zu Daumenhoch:
"Siehst du dort das hohe Gebäude, dieser große Kasten da mit
der Kuppel, das ist die Universität. Morgen fliegen wir dorthin
und dann kannst du den großen Universitätscomputer
anzapfen."
Müde vom langen Tag und der Reise flogen sie zum Onkel und übernachteten auf dem Kirchturm.
Am anderen Morgen
flogen sie schon früh zum Computerfloh hinüber. Der
Computerfloh hatte den Adapter bereits fertig, er war nicht teuer, ein
Euro.
Als Daumenhoch erzählte, dass er in die Uni gehen wolle, sagte der Computerfloh, dass er auch schon mal studiert habe.
Daumenhoch fragte, wo
er denn studiert habe. Der Computerfloh antwortete ihm: "In
Studienburg." Daumenhoch: "Mein Vater hat auch in Studienburg
studiert." Computerfloh: "Wie heißt der denn, vielleicht kenne
ich ihn!" Daumenhoch: "Adam Bücherwurm." Computerfloh: "Ach mein
alter Freund Bücherwurm, beschäftigt er sich immer noch mit
Astronomie?" Daumenhoch: "Ja, und das sehr intensiv." Computerfloh:
"Grüß ihn mal herzlich von mir, er kennt mich unter dem
Namen Rostnagel." Daumenhoch: "Mach ich, danke."
Anschließend
flogen die Beiden zur Uni, dort waren viele Menschen. Florian setzte
Daumenhoch vor der großen Tür ab und sagte ihm: "Ich hole
dich heute Abend wieder ab."
Die Tür war offen
und Daumenhoch huschte hinein. Er musste aufpassen, auf die vielen
Schuhe, die ihn zertreten könnten. Er hörte um sich herum
viele Stimmen, die er nicht verstand, es war die Sprache der Menschen.
Am Ende eines Ganges
sah er ein großes Schild, das er nicht lesen konnte. Vor ihm
kroch ein kleines Tier auf ihn zu. Es war eine Spinne. Sie sprach ihn
auf Phantasani an: Wer bist du, was machst du hier? Daumenhoch
antwortete: "Ich will hier die Bücher der Menschen lesen."
Die Spinne schaute
etwas verwundert drein. "Die Bücher der Menschen willst du lesen,
da gibt es hier viele. Kannst du denn die Sprache der Menschen
verstehen?" Daumenhoch sagte daraufhin: "Nein, aber ich will sie
lernen." Die Spinne: "Ich kann dir dabei helfen, ich wohne schon lange
hier und verstehe die Sprache der Menschen.
Daumenhoch fragte sie dann: "Kannst du dort oben das Schild lesen?" Die Spinne: "Ja, da steht "Zur Bibliothek"."
Er lief so schnell, wie
er konnte, den Gang entlang, es waren gerade mal keine Menschen zu
sehen. Die Spinne lief hinter ihm her und schwang sich dann mit ihrem
langen Faden auf einen Computertisch.
Als Daumenhoch in die
Bibliothek eintrat, sah er viele Studenten, die sich mit großen
Büchern beschäftigten und er sah an jedem Tisch Computer.
An einem freien Tisch
klemmte er seinen Laptop mit dem Adapter an, es funktionierte. Nun
konnte er alle Bücher der Universitätsbibliothek abrufen, er
hatte auch ein Übersetzungsprogramm. Die Spinne staunte nur.
Er suchte sich als
Erstes Wissenschaftsbücher aus, zu Themen wie Biologie, Technik
und Medizin. Er las stundenlang Seite um Seite und speicherte ab, was
zu speichern ging. Mit einem Kopf voll Zahlen und Texten stand ihm der
Schweiß auf der Stirn.
Das waren alles weit
mehr Informationen, als man in Kleinlesestadt bekommen konnte. Er,
Daumenhoch, würde gern Medizin studieren, aber wo?
In der Stadt der
Menschen, dachte sich Daumenhoch natürlich. Die Spinne beobachtete
ihn bei seinen Studien, von der Decke, mal vom Tisch hängend.
Mittags packte Daumenhoch sein Butterbrot aus und die Spinne verspeiste
ein paar Brotkrümel. Dann diskutierten sie über Daumenhochs
zukünftiges Studium bei den Menschen. Die Spinne bot ihm an, ihm
die Sprache der Menschen bei zu bringen. Daumenhoch nahm dankend an.
Daumenhoch meinte, ich
komme nächsten Monat wieder in die Universität der Menschen
und dann könnten sie damit anfangen.
Er verabschiedete sich
noch von der Spinne und ging dann müde vom vielen Lesen abends,
ohne viel gegessen zu haben, zum Ausgang, Florian wartet schon.
Daumenhoch fragt ihn: "Kannst du mich zu meinen Eltern nach Hause
fliegen?" Florian: "Wie weit ist das denn?" Daumenhoch: "Vielleicht
20000 Meter Luftlinie." Florian: "Das schaffe ich in zwei Stunden."
Daumenhoch: "Prima,
aber erst müssen wir noch bei Deinem Onkel vorbei." Der Onkel
freute sich, dass Daumenhoch noch einmal vorbei gekommen war, sie
verabschiedeten sich und Florian flog mit Daumenhoch fort.
Spät abends kamen Sie bei Daumenhochs Eltern an. Die Eltern begrüßen Sie mit großer Freude.
Daumenhoch: "Florian
hat mich her geflogen, er schläft bei uns. Nach einer geruhsamen
Nacht machte sich am Morgen Florian auf den Heimweg.
Den Tag über
unterbreitet Daumenhoch vorsichtig seinem Vater den Wunsch Medizin bei
den Menschen zu studieren. Der Vater sagt: "Das geht nicht, du bist zu
klein." "Gut", sagt Daumenhoch, "ich bin nur einen Daumen hoch, aber
ich weiß mehr als jeder andere, der Daumenhoch heißt."
Am Nachmittag ruft
Daumenhoch bei Herrn Rostnagel an und fragt ihn um Rat. Herr Rostnagel
meint, dass er ein Fernstudium machen könne. Dann fragte Herr
Rostnagel ihn noch: "Kannst du denn die Sprache der Menschen?"
Daumenhoch antwortete:" Nein, aber die Spinne Rosemarie bringt sie mir
bei."
Abends meint Daumenhoch
zu seinem Vater beim Abendbrot: "Ich soll dich übrigens von einem
Herrn Rostnagel herzlich grüßen!" Adam Bücherwurm: "Wo
hast du den kennen gelernt? "Daumenhoch: "Er war mir behilflich an den
Unicomputer zu kommen." Adam Bücherwurm: "Das ist ja prima, dass
er dir geholfen hat." Daumenhoch meint noch: "Ich habe Herrn Rostnagel
vorhin angerufen, er sagt, ich sollte ein Fernstudium machen. Adam
Bücherwurm sagte nur: "Das kannst du machen."
Die Tiere, die er auf
seiner Reise kennen gelernt hatte, begleiteten ihn noch viele Jahre als
enge Freunde. In der Studienzeit feierten sie gemeinsam ihre
Geburtstage und machten gemeinsam Urlaub. Daumenhoch ist heute
Professor an der Uniklinik Studienburg.
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